AK Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie
in der DGGG
(Sektion II, vormals Fachbereich II)
Der AK Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie
in der DGGG wurde assoziiert an den ehemaligen Fachbereich
II am 23.09.1994 in Essen gegründet.
Die Aufnahme von neuen Mitgliedern erfolgt über
die DGGG unter Beachtung der Satzung der DGGG, wobei
die Mitglieder, wenn sie dies wünschen, zugleich
Mitglieder im AK sind. Der AK Gerontopsychosomatik und
Alterspsychotherapie kooperiert im Oktober 2000 bei
der Durchführung der bereits 8. Wissenschaftlichen
Arbeitstagung Gerontopsychosomatik und Alterspspychotherapie
(jetzt in Münster) und hat derzeit rund 60 Mitglieder.
Die Leitung des AK liegt in den Händen von Prof.
Dr. Gereon Heuft.
Gerontopsychosomatik - eine Definition
In der internationalen Literatur wurden bisher psychosomatische
Aspekte alter Menschen kaum bearbeitet oder bezogen
sich auch in Handbüchern eher auf Situationen der
körperlichen Pflege und des Lebensendes. Das Lehr-
und Forschungsgebiet der Gerontopsychosomatik
befaßt sich mit
- den psychischen Auswirkungen bzw. der Bewältigung
des normalen körperlichen Alternsprozesses -
verstanden als Entwicklungsaufgabe,
- mit der besonderen Phänomenologie und Symptomatik
psychischer Störungen und Persönlichkeitsstörungen
im Alter,
- mit den funktionellen Störungen und Somatisierungsstörungen
alter Menschen,
- mit den Folgen psychischer Traumatisierungen auch
in früheren Lebensabschnitten,
- den im Alter vermehrt auftretenden somato-psychosomatischen
Wechselwirkungen (Coping; Compliance) bei schweren
Körperkrankheiten und
- der Erforschung adaptiver Prozesse im Kontext der
im Alter auftretenden Gewinne ("späte Freiheit")
und Verluste (Rollenverluste; Gefährdung des
sozialen Neztwerkes).
Methodisch bedient sich die Gerontopsychosomatik sowohl
gerontologisch-psychologischer Forschungsmethoden, wobei
die Biographie-Forschung zugleich in der Psychoanalyse
wurzelt, als auch somatisch-biologischer Meßmethoden.
Unter dem Aspekt der klinischen Behandlung diskutiert
Gerontopsychosomatik spezielle psychotherapeutische
Behandlungsprobleme aller genannten Forschungsbereiche
bei alten Menschen. Zur psychotherapeutischen Intervention
stehen die psychoanalytischen und die kognitiv- behavioralen
Grundverfahren zur Verfügung, ergänzt um spezielle
Entspannungsverfahren. Die kompetente Differentialdiagnose
gerontopsychiatrischer Störungen ist ebenso wichtig
wie die Differentialdiagnose internistischer Erkrankungen.
Durch die Formulierung des Konzeptes Gerontopsychosomatik
in einem 1989 eingereichten Manuskript für die
Zeitschrift für Gerontologie (Heuft 1990)
und kurz darauf in der Zeitschrift Psycho (Lamprecht
1990) entstand ein zunehmendes Bewußtsein für
die Notwendigkeit, auch die normal-konflikthafte Entwicklung
in der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters zu
beschreiben. Diese Konzeptbildung hat sicher dazu beigetragen,
daß sich ein zunehmendes Interesse an der Bedeutung
des körperlichen Alterns für die psychische
Entwicklung in der zweite Hälfte des Erwachsenenlebens
entwickeln konnte. Da die Bedeutung vertiefter gerontopsychosomatischer
Kenntnisse für die differentielle Therapieindikation
bei älteren und alten Patienten dennoch in den
Anfängen steckt, muß die gerontopsychosomatische
Perspektive historisch gesehen als ein Desiderat bezeichnet
werden.
Alterspsychotherapie
Der jetzt auch im Altersbereich fast inflationär
benutzte Begriff therapeutisch verlangt eine
Definition von Psychotherapie: "Psychotherapie
ist ein bewußter und geplanter interaktioneller
Prozeß zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen
und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst
zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für
behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen
Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal, aber auch
averbal in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit
gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptom-Minimierung und/oder
Strukturveränderung der Persönlichkeit) mittels
lehrbarer Techniken, auf der Basis einer Theorie des
normalen und pathologischen Verhaltens. In der Regel
ist dazu eine tragfähige emotionale Beziehung notwendig."
(Strotzka 1975)
Diese Definition läßt einerseits genügend
Spielraum, um unter den Leidenszuständen sowohl
psychische Krankheiten, patientenbezogene Teilprobleme
als auch bestimmte psychosoziale Konfliktsituationen
bzw. Traumatisierungen zu verstehen. Andererseits legt
sie eindeutige Anforderungen bezüglich des theoretischen
Gesundheits- und Krankheitsverständnisses (also
auch für Altern und Alter) sowie bezüglich
zu definierender Behandlungsziele fest. Zusätzlich
fordert sie eine qualifizierte psychotherapeutische
Weiterbildung.
Für die psychotherapeutische Behandlung über
60jähriger sind bisher zwei wichtige Aufgaben nur
teilweise angegangen bzw. befriedigend geklärt
worden:
- Für jedes anerkannte psychotherapeutische Verfahren
besteht die Forderung, systematisch theoretische Vorstellungen
und Behandlungskonzepte auf den Alterssektor zu übertragen
und ihre Anwendungsmöglichkeiten und ggf. erforderliche
Modifikationen umfassend zu erforschen.
- Für die im Altersbereich psychotherapeutisch
tätigen Berufsgruppen der Ärzte/Psychologen
gilt außerdem die Aufgabe, eine altersbezogene
Weiter- bzw. Ausbildungsqualifikation theoretisch
und praktisch zu erwerben sowie diese unter Supervision
zu erproben.
Dabei muß man sich immer wieder vergegenwärtigen,
auf welcher Ebene welcher therapeutische Ansatz mit welcher
Interventionsform für die Behandlung über 60jähriger
indiziert ist (differenzielle Psychotherapie-Indikation).
Forschung und Gesundheitspolitik
Auf der (forschungs-)politischen Ebene ist die Bedeutung
gerontopsychosomatischer Fragestellungen fast noch eher
erkannt worden als in der klinischen Versorgung. Neben
der Förderung seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) [ELDERMEN-Study I: He 1898/2-1; He 1898/2-2 sowie
ELDERMEN- Study II: Schn 657/1-1) ist vor allem der
Bericht "Gesundheit im Alter", der von einer
Expertenkommission im Auftrag der Bundesärztekammer
erstellt und mit überwältigender Mehrheit
vom Deutschen Ärztetag 1998 angenommen wurde, hervorzuheben.
Dort wird erstmals der Versorgungsbereich der Gerontopsychosomatik
und Alterspsychotherapie in einer offiziellen Entschließung
der deutschen Ärzteschaft neben den Versorgungsbereichen
der Inneren Medizin/Geriatrie und der Gerontopsychiatrie
dargestellt. So ist es nur folgerichtig, daß jetzt
die Expertenkommission zur Erstellung des 3. Altenberichtes
der Bundesregierung eine eigenständige Expertise
zur gleichen Thematik in Auftrag gegeben hat (Sprecher:
G. Heuft). Zwischenzeitlich hat die Altenberichtskommission
der Bundesregierung (Vorsitz A. Kruse) in ihrem Bericht
an die Bundesregierung und den Bundestag dafür
plädiert, daß bei den Empfehlungen hinsichtlich
der Entwicklung neuer Versorgungskonzepte für ältere
Menschen der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie
eine gleich bedeutsame Stellung zugeordnet wird wie
der Geriatrie und Gerontopsychiatrie.
Anläßlich des Weltgesundheitstags der WHO
1999 zum Thema "Alter", der vom Bundesgesundheitsministerium
ausgerichtet wurde (wiss. Leitung A. Kruse), wurde ein
eigenes Forum zum Thema Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie
(wiss. Leitung G. Heuft) durchgeführt. Die in diesem
Forum erarbeiteten politischen Empfehlungen wurden in
den Gesamtkatalog der für das Bundesgesundheitsministerium
erarbeiteten politischen Empfehlungen aufgenommen (Kruse
1999).
Für Fachärzte bzw. Fachpsychotherapeuten
beider psychotherapeutischer Grundverfahren (psychoanalytische
Psychotherapie bzw. kognitiv-behaviorale Psychotherapie)
ist ein vertieftes Wissen sowohl über mögliche
präventive Maßnahmen als auch über somatische
Risikofaktoren im höheren Erwachsenenalter sinnvoll.
Werden diese körperlichen Risikofaktoren von Patienten
ignoriert bzw. unzureichend behandelt, sollte der Diagnostiker
auch über die Psychodynamik sowie die Lerngeschichte
dieses riskanten Verhaltens nachdenken und sich nicht
durch die Fehlinformation lähmen lassen, eine Berücksichtigung
dieser somatischen Faktoren sei bei über 60jährigen
ohne Belang. Darüber hinaus gibt es zwischenzeitlich
gute Übersichten über physiologische Altersveränderungen
wie etwa über die sich im Lebenslauf verändernde
Sexualität, deren Kenntnis bereits auf der Ebene
von Beratung Alternder unverzichtbar erscheint.
Bei dem Verdacht auf eine funktionelle bzw. somatoforme
Störung ist es oft nicht einfach, unter dem Eindruck
der stetig mit dem Alter steigenden Variabilität
somatischer Befunde z. B. zwischen einem organisch bedingten
Schmerzerleben und einer psychogenen Beeinträchtigung
(i. S. eine somatoformen Störung) zu differenzieren.
Bei sorgfältiger Abklärung der somatischen
und psychogenen Aspekte findet man etwa die gleiche
Prävalenz psychogener Beeinträchtigung,
wie sie für jüngere Erwachsene beschrieben
wurden. Bei den betroffenen Älteren leidet 1/3
erst seit rund einem Jahr unter manifesten psychogenen
Störungen. Das bedeutet, daß sich auch bei
alten Menschen nicht nur chronifizierte gerontopsychosomatische
Störungen finden, bei denen auf Grund einer eingetretenen
Chronifizierung per se eine schlechtere Prognose anzunehmen
wäre. - Dieser differenzierenden Sicht trägt
in den letzten Jahren auch die Adaption psychometrischer
Instrumente für Menschen jenseits des 60. Lebensjahres
Rechnung.
Bei gleichbleibender soziodemographischer Entwicklung
erwarten wir in den nächsten beiden Jahrzehnten
einen weiterhin steigenden Anteil alter Menschen in
der Gesamtbevölkerung. Daher sollte die Fachpsychotherapie
alten Patienten, die dies wünschen, helfen, sich
mit vorzeitigen regressiven Entwicklungen, die auf neurotische
oder aktualkonflikthafte Prozesse zurückzuführen
sind, auseinanderzusetzen. Sowohl aus dem Verständnis
der normal-konflikthaften Entwicklung, die aus dem körperlichen
Alternsprozeß resultiert, als auch aus den psychotherapeutischen
Behandlungserfahrungen bei Symptombildungen könnten
alle Generationen im Sinne einer bewußteren Lebenslaufsperspektive
gewinnen.
Weiterführende Literatur:
Heuft G, Kruse A, Radebold H (2000) Lehrbuch der Gerontopsychosomatik
und Alterspsychotherapie. UTB-Lehrbuch. Reinhardt-Verlag
München
Für den AK Gerontopsychosomatik und Alterspspychotherapie:
Univ.-Prof. Dr. med. Gereon HEUFT
Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Universitätsklinikum Münster
Domagkstr. 22
D-48129 Münster
Tel.:0251/83-52902
Fax: 0251/83-52903
Email: heuftge@medsnt01.uni-muenster.de
|